Donnerstag, 5. September 2013

Quid Pro Quo Teil 2




Titel: Quid Pro Quo 

Fandom: Buffy
Inhalt: Buffy ist plötzlich verschwunden und nicht einmal Willow ist in der Lage, sie aufzuspüren. Giles bleibt nur noch die Möglichkeit, das Orakel von Eramesch aufzusuchen, welches in dem Ruf steht, ausnahmslos jede Person auf der Welt aufspüren zu können. Doch diese Reise birgt gewisse Gefahren in sich: Man sagt, um die Hilfe des Orakels in Anspruch nehmen zu können, muss man ihm im Ausgleich dafür sein Innerstes vollkommen preisgeben...
Spoiler: Buffy Season 8 (Comics)
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Teil: 1/2
Disclaimer: Alle in dieser Story verwendeten Charaktere und Grundkonzepte sind Eigentum der jeweiligen Rechteinhaber. Sie werden einzig und allein zu Unterhaltungszwecken genutzt. Eine Copyright-Verletzung ist weder beabsichtigt noch impliziert.
Hauptcharakter(e)/Paar(e): Rupert Giles





Teil 2




Überrascht sah er sich um. Der Raum war wesentlich größer als der vorherige und nur spärlich durch eine einzelne Glühbirne erleuchtet, die nackt von der Decke hing. Ein unglaublicher Kontrast zu der fast schon protzigen Ausstattung des Eingangsbereichs.
Vor ihm konnte er einen großen Tisch aus Metall und je einen gepolsterten Stuhl an beiden Längsseiten erkennen. Zielstrebig näherte er sich dem rechten Stuhl und setzte sich. Doch so ganz allein in dem Zimmer fühlte er sich wie auf dem Präsentierteller.
Plötzlich nahm er eine Bewegung in der rechten, hinteren Ecke wahr und erkannte einen dunklen Schatten, der ihn beobachtete.
„Sie fühlen sich unwohl.“, durchbrach eine weibliche Stimme die Stille. Dies war eindeutig eine Feststellung, keine Frage.
Doch Giles war vor allem darüber verwundert, dass sein Gegenüber nicht im Mindesten nach einem Dämon klang. Eher wie ein -. „Sie sind ein Mensch?!“
Ein amüsiertes Lachen drang zu ihm hinüber, bevor sich eine Gestalt aus dem Schatten löste und auf ihn zuschritt. Zuerst wurde die Silhouette einer etwa ein Meter siebzig großen und schlanken brünetten Frau in seinem Alter sichtbar, die sich geschmeidig auf den Tisch zu bewegte. Dann fiel das Licht auf zwei braune Augen, die ihn nachdenklich musterten. Das restliche Gesicht blieb jedoch ausdruckslos. „Ja, das bin ich. Seltsam. Normalerweise sind meine Besucher überrascht darüber, dass ich eine Frau bin.“




Giles runzelte leicht die Stirn. War das ein Test oder hatte sie nur einen Scherz machen wollen? „Das ist ungewöhnlich. Schon in der Antike waren die meisten Orakel weiblich.“
Sie zuckte mit den Schultern und setzte sich auf den Stuhl ihm gegenüber. „Ich weiß. Geile, alte Priester haben sie unter Drogen gesetzt, damit ihre Prophezeiungen mysteriöser klangen.“
Er blinzelte mehrmals verwirrt über diese unerwartete Veränderung in ihrer Haltung. Als sie auf ihn zugeschlendert war, hatte sie wie eine Schlange gewirkt, die ihr Opfer hypnotisieren und dann töten wollte. Doch auf einmal erschien sie ihm mit ihrem bohrenden Blick und ihrer Offenheit wie eine Raubkatze, die einen ebenbürtigen Gegner vor sich sah und noch nicht wusste, was sie mit ihm anstellen sollte. „Äh ja, scheint so.“, brachte er hervor.
Geschmeidig legte sie ihren Kopf schief. „Sie wirken angespannt.“
Er schluckte innerlich, da er sich von ihr durchleuchtet fühlte. Doch er beschloss, es ihr so schwer wie möglich zu machen, in seiner Seele zu lesen. „Nun, dies hier erscheint mir eher wie ein Verhörraum und nicht wie ein Ort, an dem ein Orakel seine Besucher empfängt.“
Sie ließ ihren Blick kurz schweifen und runzelte die Stirn. „Stimmt. Es fehlen die Säulen, die hohe Decke und -.“ Auf einmal sah sie ihm direkt ins Gesicht. „- ein Altar.“
Ihre Miene blieb weiterhin ausdruckslos, aber in ihren Augen konnte er ein schelmisches Funkeln aufblitzen sehen. „Und die Drogen.“, platzte es aus ihm heraus.
Überrascht hob sie die Augenbrauen. „Ich denke, ich kriege das auch ohne hin.“, entgegnete sie, klang jedoch nicht im Mindesten beleidigt, sondern eher belustigt.




Stille trat zwischen ihnen ein, während sie ihn auffordernd musterte. In seinem Inneren seufzte er nervös auf. Er wusste instinktiv, dass nun der Teil seiner Mission beginnen würde, den er am meisten fürchtete: Das Offenlegen seiner Seele als Preis für die Auskunft, die er benötigte. Er wollte es so schnell wie möglich hinter sich bringen. „Was muss ich jetzt tun?“
Ihre Augen verengten sich leicht zu Schlitzen. „Sie müssen nur ein paar Fragen beantworten, die ich Ihnen stelle. Quid pro Quo.“
Er nickte wissend. „Nach dem Rechtsgrundsatz.“
Sie warf einen kurzen Blick zur Seite. „Nun, eigentlich war das eine Anspielung auf Das Schweigen der Lämmer. Aber das läuft im Prinzip auf dasselbe hinaus.“ Sie musste seinen verständnislosen Gesichtsausdruck sofort richtig gedeutet haben, denn wenige Sekunden später hakte sie nach: „Sie kennen Das Schweigen der Lämmer nicht?“
Wieder gewann er den Eindruck, sie wolle ihn testen, seine Reaktionen beobachten und daraus Rückschlüsse auf sein Wesen und sein Wissen ziehen. Dennoch entschied er sich dafür, die Wahrheit zu sagen. Er ahnte, dass sie eine Lüge oder Halbwahrheit sofort durchschauen würde. „Ich weiß, dass in dem Film eine Figur namens Hannibal Lecter vorkommt.“, gestand er und dankte Xander im Stillen für diese unnütze Information.
Sie lehnte sich etwas zurück und musterte ihn unverhohlen. „Hannibal Lecter ist ein Psychiater, der seine Patienten gegessen hat und dafür selbst in die Psychiatrie gesperrt wurde. Er soll einer jungen FBI-Agentin dabei helfen, einen psychopatischen Serienkiller zu fassen, und verlangt im Gegenzug von ihr, ihm Dinge aus ihrem Privatleben zu verraten.“




Giles sah sie nachdenklich an. Ja, diese Analogie war wirklich passend. Doch bedeutete das auch, dass sie ebenso gefährlich war wie der fiktive Psychiater? Waren ihre Wort etwa eine Warnung an ihn, es sich nicht mit ihr zu verscherzen?
Erneut schien sie seine Gedanken zu lesen. „Aber keine Angst. Ich habe nicht vor, jemals in meinem Leben einen Menschen oder Teile eines solchen zu essen.“
Er blinzelte mehrmals verwirrt, unsicher, was er darauf antworten sollte. „Nun, das ist doch schon mal etwas.“
Sie lächelte vielsagend. „So schlimm sind meine Fragen nicht. Und ich verspreche, dass sie alle im weitesten Sinne etwas mit Ihrem Anliegen zu tun haben werden.“
Er warf ihr einen überraschten Blick zu. „Soll das heißen, dass Sie nicht -?“
Mit einer abwehrenden Handbewegung unterbrach sie ihn. „Wie stehen Sie zu Buffy?“
Die Fassungslosigkeit, die ihn plötzlich überkam, hinderte ihn im ersten Moment daran, ihre Frage zu beantworten. Natürlich hatte er damit gerechnet, dass sie bereits wusste, mit welchem Problem er zu ihr kam, bevor er es ihr unterbreitete. Aber diese Art von persönlichen Informationen wollte er nicht preisgeben. Es fiel ihm schon schwer, Details zu offenbaren, die nur seine Person betrafen. Doch genau darauf hatte er sich eingestellt. Über Buffy zu sprechen behagte ihm ganz und gar nicht. Was seine Jägerin anbelangte, wollte er einfach nur wissen, wo sie sich gerade befand, und sie sonst aus diesem Gespräch raushalten.




Wieder erriet das Orakel, was in ihm vorging. „Sie glauben mir jetzt vielleicht nicht, doch diese Frage hat mehr mit Ihrem Anliegen zu tun, als Sie sich im Moment vorstellen können.“
Skeptisch runzelte er die Stirn. „Ich verstehe.“
Sie neigte leicht den Kopf zur Seite und musterte ihn mit einem nachdenklichen Blick. „Und falls nicht, dann werden Sie sicherlich bald verstehen. Es ist wichtig für Sie, nicht nur zu erfahren, wo sich Buffy aufhält, sondern auch, weshalb sie dort ist. Und warum Sie und ihre Freunde sie nicht aufspüren können.“
Er seufzte leise. Ihr Tonfall verriet ihm, dass scheinbar wesentlich mehr hinter dem Verschwinden seiner Jägerin steckte, als er bisher angenommen hatte. Und verdammt, er wollte verstehen, warum sie Buffy selbst mit Magie nicht hatten finden können!
„Sie ist wie eine Tochter für mich.“, platzte es aus ihm heraus.
Sie nickte leicht mit bedauernder Miene. „Das dachte ich mir schon.“ Das war alles, was sie dazu sagte.
Allmählich wurde er ungeduldig. „Aber was hat das mit ihrem Verschwinden zu tun?“
Sie sah kurz auf die Tischplatte vor ihr, als ob sie ihre nächsten Worte erst sorgsam in Gedanken abwägen musste. Dann stellte sie unvermittelt wieder direkten Blickkontakt her. Der mitfühlende Ausdruck in ihren Augen ließ ihn das Schlimmste ahnen. „Hören Sie, Mr. Giles, Buffy wurde weder entführt noch getötet noch wird sie irgendwo gegen ihren Willen gefangengehalten. Sie ist aus freien Stücken verschwunden. Und Sie können sie deshalb nicht aufspüren, weil sie Vorkehrungen getroffen hat. Sie will nicht gefunden werden.“




Als er diese Worte hörte, sackte er regelrecht in sich zusammen. Die letzten Wochen hatte er sich die furchtbarsten Szenarien ausgemalt, was seiner Jägerin vielleicht zugestoßen war. Doch dies -. Er musste zugeben, dass diese Möglichkeit ihn weitaus heftiger traf, als er sich hätte vorstellen können. Mit wirklich allem hatte er gerechnet, aber dass sie einfach so ihre Pflicht vernachlässigte und vor ihrer Aufgabe floh, hätte er nicht gedacht.
„Diese Pflicht hat sie die letzten Jahre zu etwas Besonderem gemacht. Deswegen hat sie sie auch so bereitwillig erfüllt. Nun ist sie nicht mehr die Einzige, sondern nur eine von vielen. Jetzt, da sie theoretisch die Möglichkeit hat, auszusteigen, fragt sie sich, ob das Jagen das Einzige ist, was sie ausmacht. Das Einzige, in dem sie wirklich gut ist.“
Ihre einfühlsame Erklärung riss ihn aus seinen Gedanken und er blickte auf. Plötzlich erschien ihm das Orakel nicht mehr als gefährlich oder bedrohlich, als er den traurigen Ausdruck in ihren Augen entdeckte. Als wüsste sie aus eigener Erfahrung, wovon sie sprach. Unwillkürlich fragte er sich, ob sie in ihrem Leben jemals etwas anderes getan hatte, als ein Orakel zu sein.
Doch sein Verstand und die Skepsis, die er immer noch dieser fremden Frau gegenüber empfand, ließen ihn diese stille Frage vergessen. Zudem stieg in ihm die Ahnung hoch, dass noch etwas anderes, eine weitere Offenbarung auf ihn wartete, die ihn noch tiefer treffen würde. „Woher wissen Sie das alles?“, rutschte es ihm heraus und das Misstrauen in seiner Stimme war kaum zu überhören.




Sie seufzte, wich seinem Blick aus und strich sich mit nachdenklicher Miene eine Haarsträhne aus dem Gesicht, bevor sie sich etwas vorbeugte und ihre Unterarme parallel zur Längsseite auf den Tisch legte. „Das frage ich mich auch oft.“ Sie zuckte unwissend, fast schon hilflos mit den Schultern. „Es kommt einfach. Ist plötzlich da, wenn ich mir meine Besucher genauer ansehe und ihnen zuhöre. Ich schließe aus ihren Worten, ihren Gesten und ihrer Mimik auf das, was sie beschäftigt. Auf ihre Probleme, die sie überhaupt erst in die Situation gebracht haben, in der sie mich aufsuchen. Meist liegt die Lösung eines scheinbar nicht zu lösenden Konflikts in einem selbst verborgen. Man ist nur selten bereit, so tief zu graben, weil man Angst hat, zuviel schmerzhafte Erinnerungen aufzuwühlen. Und andere Dinge tauchen auf einmal in meinem Kopf auf: Namen, Orte und andere Hintergrundinformationen. Fast wie Visionen, die vom Anblick meines Gegenübers erst ausgelöst werden.“ Sie schob ihre rechte Hand unter ihr Kinn und stützte sich lässig auf ihrem Ellebogen ab. „Wollen Sie wissen, was ich in den letzten Minuten über Sie erfahren habe?“
Am liebsten wäre er umgehend geflüchtet. Aus diesem Raum, diesem Haus und runter von diesem verdammten Berg. Aber etwas hielt ihn zurück: Seine Neugier, die unbedingt wissen wollte, was Buffy wirklich beschäftigte. Warum sie nicht mit ihm über ihre Sorgen geredet hatte. Weshalb sie lieber davongelaufen war.




Das Orakel deutete wohl sein Schweigen als Zustimmung. „Sie fragen sich im Moment sicher, aus welchem Grund Sie Buffys Flucht nicht haben vorhersehen können. Oder wieso Sie die Anzeichen dafür nicht gesehen haben und sie sich Ihnen nicht mitgeteilt hat. Ich denke, und das ist jetzt nur eine Vermutung, dass sie geglaubt hat, Sie würden sie nicht verstehen oder von ihr enttäuscht sein. Sie ist nicht nur wie eine Tochter für Sie, sondern auch Ihr strahlendes, unschuldiges Vorbild. Eine Galionsfigur des Rates, die immer für den Kampf des Guten gegen das Böse gestanden hat. Sie wollten nie, dass sie verletzt wird. Aber noch weniger wollten Sie, dass sie ihre Vorbildfunktion verliert. Dass sie so wird wie Sie. Jemand wie Sie und -.“ Sie zögerte kurz und blickte für einen Moment stirnrunzelnd zur Seite. „- Faith.“, fügte sie langsam hinzu, als hätte sich der Name erst mühsam in ihrem Kopf materialisiert. „Jemand, der in seinem Leben schon so viele oder so schwerwiegende Fehler begangen hat, dass für ihn die Teilung in Schwarz und Weiß nicht mehr gilt. Weil er weder das eine noch das andere ist. Dummerweise wollen Sie nicht sehen, dass niemand, kein Mensch auf dieser Welt, hundertprozentig weiß sein kann. Selbst Buffy nicht.“
Resigniert nahm er die Brille ab und rieb sich die Nasenwurzel. „Aber so wäre es einfacher für sie.“, beharrte er müde.
Sie schüttelte energisch den Kopf. „Nein, wäre es nicht. Ich weiß, Sie wollen sie mit dieser Vorstellung von Schwarz und Weiß nur schützen und ihr den Kampf gegen das Böse erleichtern. Doch wenn Sie weiterhin darauf bestehen, dass sie diese Einstellung leben soll, wird sie irgendwann wie Faith daran zerbrechen. Wenn sie nicht schon längst daran zerbrochen ist.“




Ein Gefühl aus Wut, Verzweiflung, Hilflosigkeit und Frustration überkam ihn. Er setzte seine Brille hastig wieder auf und erhob sich eilig. Wie ein in die Ecke gedrängtes wildes Tier begann er, vor dem Orakel im Raum hin- und herzumarschieren. „Soll das heißen, Sie glauben nicht daran, dass es so etwas wie Richtig und Falsch gibt?“ Er klang trotzig, das wusste er. Wie ein kleines Kind, das sich stur gegen die Anweisungen seiner Eltern zur Wehr setzte, ohne zu überlegen, ob diese nicht vielleicht Recht hatten.
Sie lehnte sich zurück und musterte ihn herausfordernd. „Ich bin überzeugt, dass eine eindeutige Einteilung in diese Kategorien nicht immer möglich ist. In vielen Fällen existieren unterschiedliche Wahrheiten, die man nicht einfach ablehnen kann, nur weil sie der eigenen widersprechen. Man muss von Fall zu Fall entscheiden und sollte nicht von vornherein eine strikte Trennung vornehmen.“
Sie sagte dies ruhig und geduldig und gerade das machte ihn noch wütender. Es war, als regte sich etwas in ihm, das seit Jahrzehnten tief in ihm schlummerte. Etwas, an das er vor langer Zeit geglaubt und das ihn fast in den Abgrund gezogen hatte. Etwas, das er eigentlich nie wieder hatte zulassen wollen. „Und woher wollen Sie das so genau wissen? Haben Sie überhaupt jemals in Ihrem Leben dieses Gebäude verlassen?“, konterte er bissig.
Sofort tat ihm diese Bemerkung leid, besonders als er ihre Reaktion beobachtete. Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust und ihr Gesicht wurde ausdruckslos. Ihre Miene verriet nichts darüber, ob und wie schwer sie seine Worte getroffen hatte, aber er erkannte, dass sich ihre Kiefermuskeln anspannten, als würde sie ihre Zähne so fest wie möglich aufeinanderpressen.




Er wollte sich gerade entschuldigen, als ihn aus heiterem Himmel ein kurzer, aber heftiger Stromschlag durchzuckte. Er brauchte etwas, um sich wieder zu sammeln, und sah das Orakel daraufhin empört an. „Was zum Teufel war das?“
Ein wissendes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Das war ich nicht, sondern Esme. Sie reagiert manchmal etwas vorschnell, wenn sie glaubt, einer meiner Besucher wäre zu weit gegangen.“
Schockiert blickte er sich um. „Sie belauscht uns?“
Das Lächeln des Orakels wurde breiter. „Oh nein, ich lege großen Wert darauf, dass kein Wort diesen Raum verlässt. Aber sie ist in der Lage, anhand meiner Gesten zu entschlüsseln, was das Gesagte bei mir auslöst.“
Seufzend setzte er sich wieder auf seinen Stuhl und starrte verlegen auf den Tisch. Ihm wurde klar, dass er gerade genau das bestätigt hatte, was sie ihm begreiflich hatte machen wollen: Er hatte ihre Meinung von vornherein abgelehnt, weil sie seiner eigenen widersprach.
„Doch manchmal bleibt einem nicht die Zeit, sich mit der Meinung eines anderen auseinander zu setzen.“, murmelte er leise.
„So wie bei Ben Wilkinson?“
Überrascht blickte er auf. Sie sah ihn weder vorwurfsvoll an noch schien sie ihn für seine Tat zu verurteilen. Er nickte langsam. „Ja, so ungefähr.“




Sie löste ihre verschränkten Arme und beugte sich etwas zu ihm vor. „Hören Sie, ich will nicht behaupten, dass Menschen keine schwerwiegenden Fehler machen. Dass sie sich nicht falsch entscheiden, wie Sie es vielleicht ausdrücken würden. Jeder Mensch macht Fehler, kleine, große, schreckliche und weniger schreckliche. Manche von uns erkennen eine falsche Entscheidung schon, bevor sie sie treffen, aber viele nicht. Doch eine Einteilung in Schwarz und Weiß, Gut und Böse ignoriert genau die Tatsache, dass Menschen sich ändern können. Sie können ihre Fehler als solche begreifen und beschließen, sie nie wieder zu machen. Faith ist ein gutes Beispiel dafür, dass es nicht unbedingt falsch ist, einer verurteilten Mörderin eine zweite Chance zu geben. Bei ihr haben Sie eingesehen, dass sie ein Mensch mit Fehlern und Schwächen ist, der nicht immer imstande ist, das „Richtige“ zu tun. Sie konfrontieren sie mit Menschen, die oft schlimmere Dinge tun als ein durchschnittlicher Dämon. Ihr trauen Sie zu, dass sie sich solchen Verbrechen stellen kann und vielleicht auch in der Lage ist, sie zu verhindern. Buffy nicht.“
Ein schwaches Lächeln huschte über seine Lippen. „Nun, Buffy ist auch nicht gerade für ihre Einfühlsamkeit bekannt.“
Sie hob mit überraschter Miene die Augenbrauen. „Sie kritisieren Ihre Lieblingsjägerin?“




Er konnte leichten Spott aus ihrer Stimme heraushören und musste widerwillig schmunzeln. „Es ist nicht so, dass ich ihre Fehler einfach übersehe. Aber in all den Jahren, die ich sie kenne, hat sie stets versucht, das oberste Prinzip des Rates einzuhalten: Menschen werden nach Möglichkeit verschont, Dämonen getötet. Selbst als die bloße Existenz ihrer Schwester fast den Weltuntergang herbeibeschworen hätte, hat sie lieber sich selbst geopfert, als Dawn zu töten. Doch im Kampf gegen das Urböse begann sie sich zu verändern. Ja, auch ich habe sie damals als unsere Anführerin gesehen, die uns in die Schlacht gegen unseren Feind schicken würde. Aber sie wurde kalt, unnahbar und unzugänglich. Ich habe mir damals eingeredet, dies wäre notwendig für sie, um in der Lage zu sein, Opfer zu bringen und ohne zu zögern in den Kampf zu ziehen. Doch tief in meinem Inneren war ich geschockt. Vielleicht hat es mich auch gestört, dass sie keinerlei Ratschläge mehr von mir annehmen wollte. Oder ich hatte Angst, ich wäre auf irgendeine Art und Weise zu weit gegangen und hätte ihr zuviel zugemutet. Nach dem Untergang von Sunnydale, nachdem wir den neuen Rat aufgebaut hatten, erkannte ich, dass sie immer mehr dazu überging, ihren eigenen Weg zu finden. Einerseits war ich erleichtert darüber, als sie allmählich wieder etwas zu ihrem alten Selbst zurückfand. Ich wollte, dass sie es genoss, nicht mehr die Einzige zu sein. Und andererseits kam ich mir plötzlich überflüssig vor. Als ich dann erfuhr, dass ein paar der Jägerinnen, die sich nicht dem Rat angeschlossen hatten, ihre Kräfte missbrauchten, um andere Menschen zu quälen, fand ich eine neue Beschäftigung. Ich hielt sie geheim, vor allem vor Buffy, und richtete eine verdeckte Abteilung ein. Ich wollte nicht, dass Buffy sich wieder gezwungen sehen musste, einen Menschen für die Erhaltung der ganzen Welt zu opfern.“




„Doch dann haben Sie Faith eingeweiht.“, unterbrach sie ihn und er nickte.
„Ich muss gestehen, dass es mir damals nach all dem, was sie getan hatte, was sie Buffy angetan hatte, immer noch schwer fiel, in Faith so etwas wie eine Tochter zu sehen. Vermutlich habe ich auch deswegen Abstand zu ihr gehalten, weil sie mich an mich selbst erinnerte. An mein früheres Ich, als ich so alt war wie sie. Aber dann musste ich erkennen, dass sie trotz ihrer ruppigen Art in der Lage ist, sich sehr gut in Jägerinnen hineinzuversetzen, die ebenfalls große Probleme im Umgang mit ihrer neuen Macht haben. Um es einmal beschönigend auszudrücken. Sie ist imstande, ihnen zu helfen, weil sie ihnen zuhört. Buffy konnte dies noch nie sehr gut. Und ich wollte nicht, dass sie dasselbe durchmachen muss wie Faith in ihrer Kindheit, nur um dazu in der Lage zu sein. Deswegen habe ich entschieden, mit Faith diese Art von Missionen durchzuführen. Ab diesem Zeitpunkt hat sich Buffy immer mehr von mir zurückgezogen.“
Das Orakel rieb sich nachdenklich mit dem rechten Zeigefinger über die Lippen und schwieg einen Moment lang, bevor sie antwortete. „Ich verstehe Ihren Standpunkt, doch ich fürchte, Buffy tut das nicht. Wahrscheinlich fühlt sie sich ausgeschlossen, alleingelassen und wie ein kleines Kind behandelt.“ Sie unterbrach sich und holte aus ihrer rechten hinteren Hosentasche einen schmalen Block hervor, in dessen Spiralbindung ein kleiner Kugelschreiber steckte. Sie zog den Stift heraus und klappte den Block auf, um etwas auf dem obersten Blatt Papier zu notieren. Daraufhin riss sie das Blatt ab und schob es zu ihm hinüber. „Das ist ihr momentaner Aufenthaltsort. Sie können sich jetzt also entscheiden, ob Sie Ihre Jägerin aufsuchen und ihr alles erklären wollen oder ob Sie ihr stattdessen etwas Zeit für sich geben.“




Gespannt warf er einen Blick darauf und runzelte überrascht die Stirn. Sie hatte exakte Koordinaten angegeben und dazu noch das Land, in dem sich Buffy versteckte: Nepal.
Erneut erriet sie sofort den Grund für seine Verwunderung. „Oh, Esme und ich haben schon vor einer Stunde das Ritual durchgeführt. Normalerweise hätte ich erst jetzt mental nach ihr gesucht, aber Esme kann sehr –.“ Sie stieß ein genervtes Seufzen aus. „– nervtötend sein, wenn sie auf irgendetwas besteht. Und sie ist der Meinung, dass ich niemanden Fremdes in meine Rituale einweihen sollte. Schon gar keine Männer!“
Giles lächelte amüsiert. Er konnte ihre Frustration im Bezug auf den Geist wirklich verstehen. Besonders wenn er sich vorstellte, vierundzwanzig Stunden am Tag mit Esme verbringen zu müssen. Da fiel ihm ein, dass ihm immer noch schleierhaft war, warum das Gespenst ausgerechnet seine Brieftasche durchsucht hatte. „Apropos Esme: Weshalb war sie so interessiert am Inhalt meines Geldbeutels?“
Das Orakel biss sich verlegen auf die Unterlippe und wich augenblicklich seinem Blick aus. Er glaubte sogar zu entdecken, dass sie plötzlich leicht rot wurde. „Na ja, sie denkt, dass man bestimmte übersinnliche Tätigkeiten nur dann erfolgreich ausüben kann, wenn ein bestimmter körperlicher Zustand aufrechterhalten wird.“




Irritiert blinzelte er mehrmals. „Wie bitte?“
Sie räusperte sich nervös. „Nun, es ist derselbe Zustand, der in einem Märchen eine Frau dazu befähigt, ein Einhorn zu berühren.“
Unwillkürlich klappte sein Mund vor Verwirrung auf, als eine Ahnung von seinem Verstand Besitz ergriff, an die er lieber nicht denken wollte. Seine Stimme schraubte sich automatisch eine Oktave höher. „Was?“
Sie sah ihn immer noch nicht an und verdrehte mit einem leisen Stöhnen die Augen. „Sie hat nach Kondomen gesucht. Die sind in ihren Augen genauso gefährlich wie halbautomatische Schusswaffen.“, klärte sie ihn schließlich auf.
Dennoch schaffte er es immer noch nicht, seinen Mund wieder vollständig zu schließen. „Heißt das, Sie haben noch nie -?“, erkundigte er sich überrascht.
Sie neigte daraufhin den Kopf leicht zur Seite und warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. „Doch, natürlich. Ich bin erst mit Anfang Zwanzig hierher gekommen und meine früheren Bewacher waren wesentlich toleranter als dieser nervige Geist. Merrin, der Troll, hat mir sogar erlaubt, jeden Sonntag für ein paar Stunden das Grundstück zu verlassen und hinunter ins Dorf am Fuße des Berges zu laufen.“ Sie unterbrach sich und sah kurz zur Tür hinüber. „Aber verraten Sie ihr das bloß nicht!“, bat sie ihn flüsternd.




Im ersten Moment wusste er nicht, ob er lachen oder sie bemitleiden sollte. Dann wurde ihm mit einem Mal bewusst, dass seine Mission hiermit beendet war. Er hatte die Antwort bekommen, die er so dringend gesucht hatte. Dennoch fühlte er sich nicht im Mindesten erleichtert. Ja, er wusste nun, dass Buffy am Leben war und er sie nun auch aufspüren konnte. Doch all die zusätzlichen Informationen hatten einen bitteren Beigeschmack hinterlassen, den er nicht wirklich zu deuten wusste. Bevor er dieses Zimmer betreten hatte, war er davon überzeugt gewesen, dass seine Jägerin entführt worden war und gerettet werden musste. Und nun fragte er sich, ob er überhaupt dazu imstande war, sie zu retten und ob eine Rettung wirklich notwendig war.
Am liebsten hätte er sich noch länger mit dem Orakel unterhalten und sie gefragt, was er nun tun sollte. Aber ein Blick in ihre Augen reichte, um ihn erkennen zu lassen, dass dies allein seine Entscheidung sein musste. Niemand anderer konnte sie ihm abnehmen.
Ein Teil von ihm wollte hier bleiben und an diesem Ort darüber nachdenken, an dem er bestimmte Dinge, die mit seiner Arbeit für den Rat zu tun hatten, einfach ausblenden konnte. Doch dann wäre es vermutlich die falsche Entscheidung, die er traf.




Ein niedergeschlagenes Seufzen entfuhr ihm. „Ich befürchte, ich muss nun gehen.“
Sie nickte mitfühlend. „Ich weiß.“
Mit echtem Bedauern stand er langsam auf und schob die Sitzfläche des Stuhls gedankenverloren unter den Tisch. Er hätte es auf dem Weg hierher nicht für möglich gehalten, dass ihm der Abschied so schwer fallen würde. Tja, wenn ihm ein Dämon gegenübergesessen hätte, wäre er jetzt schon längst wieder auf dem Rückweg. „Sie hätten sich eigentlich nicht soviel Mühe geben und mir die Hintergründe erklären müssen, wenn Sie längst wussten, wo Buffy sich aufhält. Ich danke Ihnen, dass Sie es trotzdem getan haben.“
Sie schenkte ihm ein warmes Lächeln. Doch in ihren Augen konnte er den Hauch von Niedergeschlagenheit aufblitzen sehen. „Keine Ursache. Das ist schließlich mein Job. Ich tue seit Jahrzehnten nichts anderes als das.“, erklärte sie ihm mit einem Schulterzucken.
Diese Worte machten ihn traurig und ließen ihn unwillkürlich an seine einsamsten Stunden denken und wie einsam sie erst sein musste. Er wollte schon nach einem Grund suchen, um noch etwas länger mit ihr reden zu können. Nur um ihre Niedergeschlagenheit zu vertreiben.
Doch dann stand sie unvermittelt auf. „Sie sollten wirklich gehen, bevor Esme Sie hier herauszerrt.“ Mit einem letzten schwachen Lächeln in seine Richtung wandte sie sich ab und schritt in die Ecke zurück, aus der sie gekommen war.




Plötzlich war sie spurlos verschwunden und er stand ganz allein in dem Raum. Verwundert sah er sich noch einmal um, bevor er seufzend die Tür öffnete und wieder hinaus in den Gang trat. Nachdenklich machte er sich auf den Rückweg ins Foyer, wo ihn Esme schon ungeduldig erwartete. „Das hat aber wirklich lange gedauert. Ich hoffe, Sie haben bekommen, was Sie wollten und können jetzt sofort wieder abhauen.“
Aus einer Laune heraus beschloss er zu testen, wie sie wohl auf freundliche Worte reagieren würde. „Ich werde Sie auch vermissen, Esme.“, antwortete er ohne jeden Sarkasmus in der Stimme und erntete dafür von ihr ein abfälliges Schnauben.
Er lächelte schwach über seinen kleinen Triumph, während er auf die Eingangstür zusteuerte und wenig später nach draußen trat. Zu seiner Erleichterung war der Sturm inzwischen weitergezogen und es regnete nicht mehr. Er nahm einen tiefen Atemzug von der frischen Luft, die der Regen gereinigt hatte, und stieg in seinen Wagen.
Als er losfuhr, warf er noch einen letzten Blick zurück auf das Haus.
Er war ausgezogen, um sich einem dämonischen Orakel zu stellen, das ihm die Seele hätte rauben können, und hatte stattdessen Ansichten kennen gelernt, die vielleicht seine Seele retten konnten.
Vielleicht war er dann imstande, Buffy das zu geben, was sie brauchte, und nicht das, was er sich für sie vorstellte.



Ende

 

 

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