Dienstag, 18. Februar 2014

A Difficult Case of Disregard Teil 1



Titel: A Difficult Case of Disregard 

Fandom: Sherlock
Inhalt:
Manchmal braucht es eine fremde Perspektive, um festgefahrene Verhaltensweisen aufzulockern…  
Spoiler: Season 2
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Teil: 1/3
Disclaimer: Alle in dieser Story verwendeten Charaktere und Grundkonzepte sind Eigentum der jeweiligen Rechteinhaber. Sie werden einzig und allein zu Unterhaltungszwecken genutzt. Eine Copyright-Verletzung ist weder beabsichtigt noch impliziert.
Hauptcharakter(e)/Paar(e): Sherlock Holmes, John Watson




Teil 1




„Ich gehe jetzt.“
Keine Reaktion. John seufzte tief, versuchte es noch einmal, diesmal lauter und mit mehr Entschlossenheit in der Stimme. „Ich gehe jetzt. Ich muss raus hier.“
Sherlock, der ihm den Rücken zugewandt am Fenster stand und seit Stunden manisch hinaus auf die Straße starrte, hob nur wortlos die rechte Hand, um knapp zum Abschied zu winken.
Der ehemalige Militärarzt schüttelte nur den Kopf und unterdrückte ein frustriertes Stöhnen, während er verärgert die Tür hinter sich schloss und die Treppe ins Erdgeschoss hinunterstapfte.
Seit Wochen hatte es keinen interessanten Fall für sie beide gegeben. Nur „harmlose Unzulänglichkeiten“, wie Sherlock es nannte, die ihn weder geistig noch körperlich in irgendeiner Weise forderten. Die Laune des Consulting Detectives verschlechterte sich von Tag zu Tag, bis sie nun an einem Punkt angelangt waren, an welchem es nicht mehr auszuhalten war. Sein Mitbewohner war inzwischen derart unleidlich und verletzend, dass John immer öfter einfach die Flucht ergriff, nur um Stunden später einen noch frustrierteren Freund vorzufinden.


 

Die Hände in seinen Jackentaschen vergraben und mit missmutigem Blick betrat er den Gehsteig der Baker Street und sah sich stirnrunzelnd um. Überall nur Schnee, wahre Berge davon vor und neben ihm. Was sehr passend war, wenn man die frostige Kälte bedachte, die nur ein Stockwerk über ihm herrschte.
Und gerade deshalb fühlte er in diesem Moment einen unglaublichen Hass auf die weiße Pracht in sich aufsteigen, die lediglich leicht erklärbare Autounfälle verursachte, jedoch die wahren Bösewichter scheinbar davon abhielt ihre Pflicht zu tun. Denn so sehr er Sherlock für dessen Überheblichkeit auch manchmal an die Gurgel gehen wollte, er brauchte den Drill eines guten und spannenden Mordfalls ebenso sehr wie sein Mitbewohner. Nur so konnte er seine innere Unruhe kompensieren und gleichzeitig Sherlocks Launen ertragen, vor allem weil dieser sehr viel umgänglicher und offener war, wenn ihn ein kriminalistisches Rätsel beschäftigte. Erst dann blühten sie beide richtig auf und John war in der Lage, einen genaueren Blick auf die Facetten seines Freundes zu werfen, die ihm sonst eher verborgen blieben, ihn aber über alle Maßen faszinierten.
Bloß konnte er sich das im Moment vollkommen aus dem Kopf schlagen. Diesen Eisblock würde höchstens der fiese Plan eines Jim Moriarty wieder auftauen können.

 


Mit gesenktem Kopf machte er sich auf den Weg ein paar Querstraßen weiter zu einem gemütlichen Pub, den er hin und wieder aufsuchte. Natürlich ohne Sherlock, der sich nur ungern und vor allem nicht ohne hinreichenden Grund unter Menschen wagte. Und sich zu betrinken war definitiv für Mr. Superhirn kein hinreichender Grund.
Was der ehemalige Militärarzt manchmal wirklich bedauerte. Zu gern hätte er Sherlock mal in einer solchen Umgebung erlebt, ungezwungen, wie andere auch. Nicht dass er eine Gelegenheit suchte, um sich über den anderen lustig zu machen. Nein, es würde seinen Freund vielleicht ablenken und ihm Rätsel aufgeben, denen er bisher noch keine Beachtung geschenkt hatte. Nicht alles war unwichtig und uninteressant, nur weil es scheinbar leicht zu durchschauen war. Das hatte er dem Consulting Detective schon des Öfteren bewiesen. Doch es schien nichts zu ändern, diese Launen kehrten immer wieder, begleitet von einem desaströsen Verbrauch von Nikotinpflastern, nächtelangen Geigensonaten und lautstarken Experimenten, entweder auf chemischer Basis oder ganz einfach im Umgang mit einer Schusswaffe. Daran würde er sich wohl nie gewöhnen, doch es störte ihn Erstaunlichweise wesentlich weniger als Sherlocks verletzende Kommentare, die auch diesmal regelrecht aus dem Haus getrieben hatten.



Zu allem Überfluss begann es plötzlich erneut zu schneien. Unzählige weiße Flocken, die unbedingt ihren zertretenen Schwester folgen und die Straßen Londons noch stärker bedecken mussten, um aus ihnen ein friedliches Weihnachtswunderland zu machen und Watsons Mitbewohner und ihn selbst in Depressionen zu versetzen.
Mit einem schwach unterdrückten Seufzen betrat er den Pub. Laute fröhliche Stimmen erwarteten ihn dort drinnen, umschallten ihn, lenkten ihn ab, vertrieben jedoch nicht die Frustration tief in ihm. Scheinbar war er viel zu sehr in seinem Selbstmitleid gefangen, einem Umstand, dem er schleunigst Abhilfe schaffen wollte.
Zielsicher steuerte er durch die feiernde Menge den Tresen an und setzte sich auf einen der Hocker, bevor er sich einen Drink bestellte. Normalerweise trank er nicht viel, nur zu bestimmten Gelegenheiten, aber an diesem Tag war ihm einfach danach.
„Na, Beziehungsprobleme? Ein handfester Ehekrach?“
Verwundert sah John auf und warf einen Blick auf die Person, die gerade rechts neben ihm Platz nahm. Er kannte sie flüchtig, sie war neu in Lestrades Team, eine Profilerin, die laut dem Ermittler hervorragende Arbeit leistete. Was Sherlock lediglich den Kommentar entlockt hatte, Lestrade wolle sich wohl bei seiner Frau für deren Affären revanchieren und habe bereits ein passendes Opfer im Auge.



Claire Richardson war dunkelhaarig, etwa in seinem Alter und entgegen ihrer Kollegen nicht im Mindesten abgeschreckt oder genervt von Holmes’ überheblichen Verhalten, was der ehemalige Militärarzt ihr im Stillen hoch anrechnete. Er war lediglich etwas besorgt, dass sich dies schnell ändern würde, sobald sein Freund sie ins Visier nahm.
Der Inhalt ihrer Bemerkung überraschte ihn nicht, eher wie sie ihn präsentierte. Dass man seinem Mitbewohner und ihm ständig eine Beziehung unterstellte und das sogar bei der Polizei ins Lächerliche zog, war absolut nicht neu für ihn. Es machte ihn sehr oft wirklich wahnsinnig, aber neu war es nicht. Doch Claire stellte ihre Fragen mit einem augenzwinkernden Charme, als wolle sie sich nicht über ihn, sondern über ihre Kollegen lustig machen.
Kurz gesagt: Es war entwaffnend, auf welche Weise sie sich nach seinen Problemen erkundigte und seine Lippen verzogen sich unwillkürlich zu einem schwachen Lächeln. „Ja, so würden es manche eventuell ausdrücken.“
Seine Gesprächspartnerin wandte sich kurz von ihm ab, um sich einen Scotch zu bestellen. Nicht ohne eine treffende Vermutung auszusprechen. „Ist da eine gewisse Person frustriert darüber, dass sie Lestrade im Moment nicht den letzten Nerv rauben kann?“
Watson unterdrückte nur schwer ein amüsiertes Schnauben. „Keine Bange, Holmes kennt seine Handynummer. Wenn er ihm nicht zu jedem kleinsten Fall eine abfällige SMS schicken würde, wäre er längst durchgedreht.“
Claire kicherte leise. „Das hört sich an, als würde Lestrade bald durchdrehen.“



Sie begannen beide, zur gleichen Zeit zu lachen. John war überrascht, dass sich seine schlechte Laune so rasch verflüchtigte. Zwar war sein eigentliches Problem noch lange nicht gelöst, aber es tat gut, bestimmte Dinge einmal laut auszusprechen und nicht dafür verurteilt oder belächelt zu werden.
Just in diesem Moment stellte der Barkeeper ihre beiden Drinks vor ihnen ab. Wie selbstverständlich prosteten sie sich zu, bevor sie jeweils einen Schluck nahmen und ihr Gespräch fortführten.


~ * ~ * ~


Die Tür fiel krachend hinter ihm ins Schloss und er atmete tief ein, als die eisige Kälte von Londons Straßen ihn umfing. Doch sie war nicht annähernd in der Lage, seine Wut abzukühlen, die in ihm kochte. Die Hände in den Jackentaschen zu Fäusten geballt versuchte John krampfhaft sich zu beruhigen. Wenigstens etwas, bevor er sich noch dazu hinreißen ließ, auf irgendjemanden oder –etwas loszugehen.
Es gab Momente im Leben, in denen musste man sich umdrehen und verschwinden, um sich davon abzuhalten, einen Mord zu verüben. Seit er Sherlock kannte, hatte er viele solcher Momente gehabt, weit mehr als während seines Militärdienstes in Afghanistan.
„Übler als übel?“
Er entdeckte Claire nur wenige Meter von ihm entfernt. Ihr schlanker, in einen langen Wollmantel gehüllter Körper lehnte gegen ein parkendes Auto, ihre Hände ebenso in den Taschen vergraben wie die seinen. Ihr Blick drückte Verständnis und ein geheimes Wissen um seine Wut aus, das ihn irritierte.


 

Sie hatten sich bei ihrer ersten zufälligen Begegnung sehr gut unterhalten, über alles Mögliche. Es hatte ihnen beiden gut getan, Watson hatte seinen Ärger für ein paar Stunden vergessen können und war erleichtert wieder nach Hause zurückgekehrt. Natürlich nicht ohne ein zweites Treffen zu vereinbaren. Und ein drittes. Und ein viertes und fünftes.
Und jetzt war er verdammt froh darüber, denn an diesem Abend brauchte er die Ablenkung wesentlich dringender als zuvor. „Sie haben ja keine Ahnung!“, begrüßte er die Polizistin missmutig, während er auf sie zulief.
Sie hielt mühelos mit ihm Schritt, obwohl er ein zügiges Tempo vorlegte, um seiner Aufgebrachtheit körperlich Ausdruck zu verleihen und sie so vielleicht ein klein wenig abzubauen. Ihre nächsten Worte ließen ihn jedoch kurz innehalten. „Sie wären überrascht.“
Sie hing einfach schweigend weiter, gab keine weitere Erklärung ab, während er ihr stirnrunzelnd nachsah und ihr dann eilig folgte. „Wer ist er?“
Sie lächelte knapp. „Sie. Es ist eine Sie.“




Wenige Minuten später saßen sie wieder nebeneinander in demselben Pub am Tresen, bestellten sich ihre Drinks und starrten beide still auf die vielfältige Auslage der Bar, die für jeden Geschmack das richtige alkoholische Getränk bot.
Johns Wut war immer noch nicht verraucht, schwelte in ihm wie ein Buschfeuer, das man nicht vollständig gelöscht hatte und das jederzeit wieder ausbrechen konnte. Daher kippte er den ersten Scotch in einem Zug hinunter in der Hoffnung, die Flammen in seinem Inneren dadurch zu ersticken. Doch stattdessen schien die Flüssigkeit ihn nur noch mehr anzuheizen und zudem seine Zunge zu lockern. „Lassen Sie mich raten: Diese Sie weiß auch nicht, was sie mit ihren Aussprüchen manchmal für Schaden anrichten kann, oder?“
Claire nahm ebenfalls einen tiefen Schluck von ihrem Whiskey und schüttelte dann entschieden den Kopf. „Nein, allem Anschein nach nicht.“
Die Lippen des ehemaligen Militärarztes verzogen sich zu einem gequälten Lächeln. „Ja, das dachte ich mir bereits.“ Frustriert orderte er einen zweiten Drink, diesmal einen doppelten.
Links neben sich hörte er die Polizistin kurz aufkeuchen, bevor ihr Glas hart auf dem Tresen auftraf. „Das Schlimmste ist, ihnen nicht die Schuld geben zu wollen und seinen Zorn stattdessen an etwas anderem auszulassen. Und es gibt immer was in Reichweite, das bestimmt die Launen ausgelöst hat, unter denen man zu leiden hat. Kennen Sie das auch? Und was ist es bei Ihnen zurzeit?“
John nickte langsam, zustimmend und antwortete trocken: „Der Schnee. Definitiv dieser verfluchte scheiß Schnee.“



Claire lachte leise, doch es klang traurigerweise verdammt gezwungen. „Ja, der ist echt übel. Und so unglaublich hinterhältig. Absolut der Staatsfeind Nummer eins.“
Sie leerten beide zugleich ihre Gläser und verlangten nach Nachschub. Bei ihrem ersten Treffen hätte Watson das noch verwirrt, aber inzwischen wunderte es ihn gar nicht mehr. Zu einem beträchtlichen Teil trug auch der Alkohol Schuld daran, der allmählich seine Wirkung entfaltete und seine Wut betäubte, sie zu einem zahmen Raubtier verkommen ließ, das allerdings lediglich vorübergehend schlief. So wirklich würde er es wohl nie loswerden, solange Sherlock nicht wenigstens den Hauch einer Einsicht zeigte. Und das würde womöglich frühestens in einem Jahrtausend passieren. „Das Traurige ist, dass er bloß eine Beschäftigung braucht. Etwas das ihn fordert.“
„Oder sie positiv bestätigt, ihr Auftrieb gibt.“ Die Polizistin kippte den Inhalt ihres Glases hinunter. Inzwischen schien es auch ihr wesentlich leichter zu fallen, ihren Scotch auf einen Zug in sich hineinzuschütten. „Lediglich auf uns hören sie nicht.“



John schnaubte leise, bevor sie gemeinsam anstießen und einen weiteren Doppelten zu sich nahmen. Das zahme Raubtier in seinem Inneren knurrte leise, als er an den heftigen Streit mit Holmes vor wenigen Minuten dachte. Nun, er hielt ihn jedenfalls für heftig, sein Mitbewohner würde ihre Meinungsverschiedenheit wohl als Lappalie abtun. „Und dabei nehmen sie einen immer so ernst. ‚Seien Sie nicht albern’ ist einer meiner Lieblingsbemerkungen.“
Die pure zynische Verbitterung sprach in diesem Moment aus seiner Stimme, obwohl er im Stillen wusste, dass er Sherlock damit Unrecht tat. Sein Freund hörte sehr wohl auf ihn, bei Themen, von denen er überhaupt keine Ahnung hatte. In Astronomie zum Beispiel oder wenn sich ein Fall um seine berühmten Mitmenschen drehte. Angeblich belangloses Wissen, das man schnell wieder vergessen konnte, nachdem man es gelernt hatte. Und trotzdem brauchte man es ab und zu, um das eine oder andere kniffelige Rätsel zu lösen.
„Ja, aber solche Sätze wie ‚Du hast überhaupt keine Ahnung’ oder ‚Ich weiß es wesentlich besser als du’ sind auch nicht zu verachten.“
Der ehemalige Militärarzt runzelte besorgt die Stirn und sah zu seiner Begleiterin hinüber. Ihre Haltung, der leicht gesenkte Kopf, der starre, gläserne Blick verrieten ihm ihre eigene Verzweiflung. Und dass sie eindeutig schon zuviel getrunken hatte. Er wusste nicht, was Claire mit dieser ominösen Sie verband, aber im Gegensatz zu Sherlock wagte er keine Deduktion über die Beziehung der beiden zueinander.



„Wir sollten gehen.“ Es war kein Vorschlag, sondern eine Feststellung, die er aussprach. Inzwischen behagte es ihm nicht mehr, in welche Richtung sich ihr Gespräch entwickelt hatte, weil er unwillkürlich Vergleiche zog. Wirkte er ebenso verzweifelt, ebenso verletzt? Bestärkte das nicht den allgemeinen Eindruck, den man von seinem Freund und ihm hatte? Lag darin nicht vielleicht sogar eine gewisse Wahrheit?
„Sie haben Recht.“
Alarmiert starrte er die Polizistin an, als hätte sie seine Gedanken gelesen und sie bestätigt. Doch sie war viel zu sehr in ihre eigenen Gedanken versunken, als dass sie seine hätte durchschauen können. Beunruhigt wollte er sie wachrütteln und folgte einem unerklärbaren Drang: Er küsste sie. Es war kein leidenschaftlicher Kuss, der von Begierde getrieben war, nur ein kurzer, flüchtiger, um sie aufzuwecken, ihre Lippen berührten sich kaum.
Und dennoch bereute John ihn sofort, als er aus den Augenwinkeln plötzlich Sherlock zwischen den anderen Gästen entdeckte, ihn mit undeutbarer Miene beobachtend, bevor der Detektiv spurlos in der Menge verschwand.

 

TBC...

 

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